Der 10%-Mythos, Pseudowissenschaft und etwas Aufklärung

Seit Jahrzehnten schwirrt in der Öffentlichkeit die Annahme durch die Sphären, dass wir nur zehn Prozent unseres Hirns nutzen. Diese Annahme hält sich wacker gegen alle Aufklärungsversuche – auch weil diese wohl nicht die Reichweite erreichen, wie dieses ursprüngliche Hirngespinst. Diese Annahme führt zu Skurilitäten, wie den aktuell in den Kinos anlaufenden Film “Lucy”, mit Scarlett Johansson und Morgan Freeman. Auf den Filmplaketen zum Film prangert groß die Frage: “Was wäre wenn wir 100% unseres Gehirns nutzen könnten?” Im Trailer zum Film wird die Frage damit beanwortet, dass Lucys Körper unfreiwillig mit einer Substanz in Kontakt kommt, die ihr nach und nach mehr als die gewöhnlichen 10% ihres Gehirns zugänglich macht. Dadurch erlangt sie übermenschliche Fähigkeiten, die ihr erlauben zunächst nur ihren Körper nahezu perfekt zu koordinieren, wodurch ihr trotz Überzahl ihrer Wächter, die Flucht gelingt. Sie ist auf einmal extrem intelligent, telekinetisch veranlagt und kann alle kabellosen Kommunikationskanäle abhören und gezielt manipulieren. Sie erlangt sogar die Fähigkeit die Pigmentierung ihrer Haare willentlich zu verändern und vieles weiteres.

Woher kommen all die Ideen, die mit einer “Aktivierung” der restlichen 90% des Gehirns assoziiert werden?

Laut Psiram geht der 10%-Mythos zurück auf den Psychologen William James, der 1908 formulierte: “We are making use of only a small part of our possible mental and physical resources”. Die in unserer Kultur vorhandene und wiederholt beschworene Ansicht (und wohl auch Hoffnung), dass wir Menschen noch sehr viel Potential haben, spielt eventuell auch eine Rolle, die den 10%-Mythos voran getrieben hat. Das Human Potential Movement, das sich Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelte geht auch von diesem großen Potential des Menschen aus.

Wie vieles, das im Zusammenhang mit einer Idee des Übermenschlichen die “was wäre wenn” Frage stellt, so kommt es auch hier zu einer Verwurstung von pseudowissenschaftlichen und esoterischen Hirngespinsten. Zum Beispiel gibt es in esoterischen Kreisen die Idee, dass insbesondere Kinder auf dem AD(H)S-Spektrum so genannte Indigo-Kinder sind. Indigo-Kinder werden als eine nächste Entwicklungsstufe der Menschen oft förmlich herbeigewünscht, was sicherlich auch mit einem in Eltern intrinsisch vorhandenen Wunsch danach gekoppelt ist, dass ihr Kind etwas Besonderes ist. Indigo-Kinder sollen sehr sensibel sein für Einflüsse aller Art, höchst intelligent (natürlich) und sollen emotionale Signale ihrer Umwelt nicht gut filtern können (entsprechend ihrer Sensibilität). Da kommt die Idee, dass “normale” Menschen nur 10% ihrer Hirnkapazität nutzen, gerade recht, denn dann kann man ja annehmen, dass Indigo-Kinder, als nächste Entwicklungsstufe der Menschheit, mehr als diese 10% nutzen, wodurch schließlich die erhöhte Sensibilität erklärt wäre (ja genau…). Jedenfalls wird in esoterisch angehauchten Kreisen oftmals die Frage gestellt, ob bei ihren auf dem AD(H)S Spektrum diagnostizierten Kindern überhaupt eine Therapie angebracht ist, schließlich sind sie ja eventuell Indigo-Kinder. Man würde also der “natürlichen” Entwicklung durch eine Therapie im Wege stehen. Ein Vergleich mit Impfgegnern, ihren fehlerhaften Grundannahmen und davon ausgehenden naturalistischen Fehlschlüssen ist eventuell auch angebracht.

Es stellt sich mir die Frage, ob mit den 10% die Rechenleistung des Gehirns, also in Analogie mit einem Computer gemeint ist oder vielmehr die Hirnbereiche, die wir bewusst aktivieren können, gemeint sind, so dass bei 100% schließlich das gesamte Gehirn gleichzeitig “aktiv” ist? Generell wird bei dem Mythos davon ausgegangen, dass eine irgendwie geartete Aktivierung der übrigen 90% in übermenschlichen Fähigkeiten resultieren wird. Je nach Geschmack ist das darin begründet, dass entweder ein kleines, bisher übersehenes, sonst niemals aktives Hirnareal plötzlich aktiv wird und damit die besonderen Fähigkeiten, wie Telekinese, Gedankenlesen (you name it…) eben auch. Oder es wird eben statt, dass das Gehirn die ganze Zeit auf Sparflamme läuft, auf einmal das gesamte Gehirn aktiv und dadurch alles, was der Mensch bisher an kognitiven Fähigkeiten hat auf einmal drölfzig mal besser. Ideen der Auswirkungen auf den Menschen und die Gesellschaft, die durch so eine “Aktivierung” geschehen würden, gibt es jedenfalls zuhauf in allen Medienformen.

Es treibt also zum einen eine veraltete Annahme über kognitive Ressourcen, die Hoffnung einer sich zum positiven weiterentwickelnden Menschheit, der Aberglaube, aber auch eine pseudowissenschaftliche Idee einer potentiell übermenschlichen mentalen Weiterentwicklung, den 10%-Mythos.

Also nutzen wir ständig 100% unseres Gehirns?

Ja und nein und schon gar nicht bewusst. Generell ist das Gehirn dauerhaft aktiv und verbraucht im Schnitt immer gleich viel Energie. 20% des gesamten Energiehaushalts des Körpers wird vom Gehirn verbraucht, also in etwa zehn mal mehr Energie, als die Gewebemasse allein vermuten lassen würde. An Ratten wurde festgestellt, dass die Aufrechterhaltung des Ruhepotentials nur etwa 15% des Energiehaushalts des Gehirns und der größte Teil die aktive Signalverarbeitung ausmacht (Raichle & Gusnard, 2002). Das Ruhepotential ist das Membranpotential einer Nervenzelle in Ruhe, also ohne, dass diese durch eine Aktivierung durch andere Zellen, gestört wird. Dabei werden die Konzentrationsgradienten der relevanten Ionen zwischen dem Außenmedium und dem Zellinneren aufrecht erhalten, so dass eine konstante elektrische Spannung herrscht. Unsere Nervenzellen sind also nie ganz inaktiv, sondern werden durch das Ruhepotential ständig in “Alarmbereitschaft” gehalten. Sobald das Schwellenpotential durch initiierten Ionen-Einstrom überschritten wird, wird ein Aktionspotential ausgelöst. Die Nervenzelle “feuert” und das Signal wandert das Axon der Nervenzelle entlang, hin zu anderen Nervenzellen, die mit dem Axon über Dendriten verbunden sind. Außerdem besteht auch ohne äußere Reize immer eine gewisse Grundaktivität, die so genannte Spontanaktivität. Nervenzellen werden von mit ihnen verbundenen anderen Nervenzellen an ihren Synapsen durch hemmende oder erregende Verbindungen ständig in einem Zustand der mehr oder minder ausgeprägten Erregbarkeit gehalten. Je nach Aufgabe der Zelle im eingebetten Netzwerk kann eine Nervenzelle somit schneller oder verzögerter ein Aktionspotential auslösen.

Was ist aber mit der “echten” Verarbeitung von Stimuli?

Unter “Stimuli” versteht man die Reize, die unter kontrollierten Bedingungen auf die Sinnesorgane von Versuchstieren/-personen ausgeübt werden. Untersuchungen haben festgestellt, dass ein Unterschied im Energieverbrauch bei einem Vergleich zwischen dem Gehirn in “Wartestellung” und der Verarbeitung eines Stimulus, wenn überhaupt, sehr gering ist (Sokoloff et al., 1955). Wer also auf die Idee kommt, man könne ja abnehmen, indem man ganz viel nachdenkt, wird hier enttäuscht sein und das tut mir leid. :(

Unser Gehirn löst das Problem der Wahrnehmung nach dem Prinzip vom “Teilen und Herrschen”, da es viel zu verschwenderisch wäre für alle möglichen Kombinationen und Variationen von Stimuli in unterschiedlichsten Umgebungen spezialisierte Verarbeitungsmechanismen im Gehirn bereit zu stellen, metabolisch “durchzufüttern” und auch unser Schädel nur begrenzten Platz zur Verfügung stellt. Die “Verarbeitung” aller wahrnehmbaren Reize ist wichtig, da erst durch diese relevante Informationen destilliert werden können. Wir schlüsseln daher die Stimuli in ihre relevanten Bestandteile auf und verarbeiten sie in getrennten, spezialisierten Netzwerken. Es werden also einzelne Netzwerke aus ihrer “Ruhestellung” gerissen um den Stimulus zu verarbeiten. Innerhalb, aber auch zwischen diesen Netzwerken kann es zu korrelierter Aktivität kommen. Korrelierte Aktivität ist wichtig, damit nach dem Hebb’schen Prinzip das was “zusammen” feuert sich zusammen schalten, also Synapsen miteinander bilden kann. Dies ist eines der fundamentalen Prinzipien des Lernens. Daher wäre es nicht zielführend, wenn weite Teile des Gehirns synchron feuern, denn so könnten sich keine spezialisierten Netzwerke von Nervenzellen bilden, die dann gezielt bestimmte Bestandteile der Stimuli verarbeiten können. Es gibt übrigens einen Zustand, bei dem große Teile des Gehirns synchron aktiv werden: epileptische Anfälle.

Das Gehirn ist also im Schnitt immer gleich aktiv, mit geringen Abweichungen, die bei der Verarbeitungen der uns umgebenden, sich ständig verändernden Welt, auftreten.

Trotz dieser Aufarbeitung werde ich mir diesen Film nicht entgehen lassen. Denn auch wenn die Grundannahme des Films weit von Science Fact entfernt ist und die Science Fiction somit leider weit hergeholt wirkt, wird er bestimmt gutes Popcorn Kino abgeben. :)